ShoreTension seit fünfzehn Jahren fester Bestandteil im Rotterdamer Hafen: „Nur durch gegenseitiges Vertrauen kann man innovativ sein“
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Es handelt sich um ein System, mit dem selbst die größten Seeschiffe bei extremem Wetter und hohem Seegang sicher am Kai anlegen können: ShoreTension.
In diesem Jahr feiert der Festmacher-Verband Koninklijke Roeiers Vereeniging Eendracht (KRVE), der das System erfunden und entwickelt hat, sein fünfzehnjähriges Jubiläum. Drei Männer, die an der Wiege von ShoreTension standen, blicken zurück: Gerrit van der Burg (Direktor von ShoreTension und seit 43 Jahren Mitglied der KRVE), Ton Leenderts (Betriebsleiter bei ECT) und Ben van Scherpenzeel (Director Nautical Developments, Policy & Plans bei der Port of Rotterdam Authority).
Man merkt den drei Herren an, dass sie sich schon seit Jahren kennen. Anekdoten werden ausgetauscht, begleitet vom harmonischen, lauten Lachen dreier erfahrener Hafenarbeiter. Auf dem Tisch im Besprechungsraum der KRVE in Heijplaat steht eine Schale mit frisch gebackenen, noch warmen gefüllten Keksen.
Doch zurück zum Anfang. Die Gründung von ShoreTension war die Folge eines schwerwiegenden Zwischenfalls. An einem stürmischen Januartag im Jahr 2007 löste sich ein Containerschiff vom Kai des damaligen Delta-Terminals von ECT auf der Maasvlakte. Das Schiff trieb ab und rammte einen Anleger am Maasvlakte Oil Terminal, was zu einer massiven Ölverschmutzung und einem Schaden von über hundert Millionen Euro führte.
Zusätzliche Trossen sind nicht die beste Lösung
Dieser Vorfall schuf die Voraussetzungen für Veränderungen, erklärt Ben van Scherpenzeel. „Wir waren uns bewusst, dass Seeschiffe immer größer werden würden. Und wir wussten, dass die Kräfte auf Schiffe mit der Fertigstellung der Maasvlakte 2 zunehmen würden. Je weiter man sich in Richtung Nordsee bewegt, desto mehr haben die Elemente freien Lauf“, erklärt er mit einem dampfenden, gefüllten Keks in der Hand.
„Es zeigte sich außerdem, dass man die enormen Kräfte nicht allein durch das Anbringen zusätzlicher Trosse ausgleichen kann. Das würde nicht nur zu einem Gewirr von Tauen führen, sondern man könnte sie aufgrund des mangelnden Platzes auch nicht spannen, sodass sie lediglich als Dekoration dienen würden. Daraufhin entstand die Idee, zwar zusätzliche Trossen anzubringen, diese aber vom Ufer aus zu spannen. Das war der Startschuss für ShoreTension.“
Messen heißt wissen
Auch die KRVE erkannte dieses Problem. Gerrit van der Burg beschloss, genau zu untersuchen, wie groß die Kräfte auf die Trossen tatsächlich waren. „Messen ist wissen“, sagt Van der Burg. „Es stellte sich heraus, dass die tatsächlichen Kräfte auf die Trossen viel größer waren als die theoretischen Modelle vorgaben. Dafür mussten wir eine Lösung finden.“
Die Lösung wurde schließlich in einem Hydrauliksystem gefunden, das vollständig ohne Strom auskommt. Wie das funktioniert? Eigentlich ist es ganz einfach. ShoreTension ist ein mobiles, vollständig hydraulisches System, das die Trossen oder Festmachertaue vom Land aus an ein Schiff ausgibt und nicht umgekehrt. Ein Zylinder in der markanten orangefarbenen Vorrichtung am Kai hält die Trossen kontinuierlich unter kontrollierter Spannung, da sich der Zylinder dynamisch mit Kräften wie Wind, Strömung und Wellengang mitbewegt.
Anstatt dass die Taue Höchstbelastungen auffangen müssen oder das Schiff sich ruckartig bewegt oder sogar vom Kai losreißt, sorgt ShoreTension dafür, dass die Spannung auf den Trossen konstant bleibt und das Schiff sicher an der „Handbremse“ liegt.
Ton Leenderts: „Für ECT war das sehr interessant. Für uns als Terminal ging es natürlich in erster Linie um die Sicherheit, aber auch um die Effizienz. Wenn sich ein Schiff losreißt, kommt das gesamte Terminal zum Stillstand. Mit ShoreTension konnten wir dieses Risiko erheblich reduzieren.“
Revolutionär
Der Weg von der Idee zum funktionierenden System war steinig, räumt Van der Burg ein. Es waren zahlreiche Tests erforderlich, bevor das System betriebsbereit und absolut zuverlässig war. Mit einem Augenzwinkern sagt er: „2007 war ich noch blond, 2010 war ich grau.“ Am Schiff eine Trosse anzubringen, war revolutionär. Das genaue Gegenteil von dem, was in der maritimen Welt seit jeher üblich ist. „Und Sie müssen wissen“, sagt Van Scherpenzeel, „Seeleute sind konservative Menschen, und Menschen im Hafen sind konservative Seeleute. Veränderungen in der Schifffahrt dauern immer lange. Man muss sich das Vertrauen wirklich verdienen.“
Leenderts veranlasste, dass die Anlage auf dem Gelände von ECT getestet werden konnte. „Für Innovationen muss man Raum bieten“, sagt Leenderts. „Das ist auch eine Frage des Vertrauens. Wir haben den Schritt gewagt, und zwar allein auf der Grundlage gegenseitigen Vertrauens.“
Die Gelegenheit, die Funktionsfähigkeit von ShoreTension unter Beweis zu stellen, bot sich Van der Burg im Jahr 2009. „Wir hatten gerade eine erste vollständig getestete Einheit für den kommerziellen Einsatz fertiggestellt, als die MSC Nikita in der Nordsee kollidierte“, berichtet er. „Das Heck war um 43 Grad gekippt und lag größtenteils im Wasser. Wie bekommt man ein solches Schiff wieder sicher an den Kai? Mit ShoreTension ist uns das gelungen.“
Allgemein verbreitet
Man kann mittlerweile sagen, dass ShoreTension in der maritimen Welt allgemein verbreitet ist. Heute sind weltweit etwa 350 ShoreTension-Anlagen in 27 Ländern und 64 Häfen im Einsatz, von Rotterdam bis Australien und Südamerika. ShoreTension entwickelt sich kontinuierlich weiter. So ist beispielsweise auch eine vertikale ShoreTension-Einheit auf dem Markt erhältlich. Die Funktionsweise ist dieselbe, jedoch nimmt sie weniger Platz auf dem Kai ein.
Der nächste Schritt für ShoreTension ist die Anwendung des Systems bei Schiffen, die sich auf See längsseits befinden Van der Burg: „Das bedeutet, dass man mit zwei beweglichen Teilen arbeiten muss, was eine enorme technische Herausforderung darstellt.“