Zwischen Wachstum und Druck: Containerjahr 2025 Rotterdam unter der Lupe
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Die Jahreszahlen für 2025 bestätigen eine deutliche Verschiebung der globalen Handelsströme. Die Importe wachsen kräftig, während die Exporte hinterherhinken und die Containerbilanz weiter unter Druck gerät. Gleichzeitig festigt Rotterdam seine Position als wichtigster Container-Hub Europas, trotz zunehmender geopolitischer und logistischer Herausforderungen.
Diese Entwicklungen stehen im Einklang mit den Erkenntnissen aus dem Container Market Outlook 2026, in dem die Port of Rotterdam Authority gemeinsam mit Xeneta-Analyst Peter Sand die wichtigsten Trends auf dem Containermarkt aufzeigt. Diese Veröffentlichung beschreibt Verschiebungen in Handelsströmen, Netzwerken und der Funktionsweise des Hafensystems, Entwicklungen, die inzwischen in Rotterdam sichtbar sind. „Das war keine Zukunftsmusik. Diese Entwicklungen sind bereits jetzt in den Umschlagmengen, den Handelsströmen und der Funktionsweise des Hafensystems sichtbar“, sagt Frank van der Laan, Senior Advisor Business Intelligence der Port of Rotterdam Authority.
Steigende Importe, sinkende Exporte und ein strukturelles Ungleichgewicht
Die Jahreszahlen für 2025 zeigen ein klares Bild: Der internationale Containerhandel verlagert sich, und Rotterdam spürt dies unmittelbar. Die Importvolumina stiegen um durchschnittlich 3,9 Prozent, vor allem aufgrund eines starken Anstiegs der Vollcontainer aus Asien (+9,3 %) und Nordamerika (+16 %).
Gleichzeitig bleiben die Exporte zurück. Insbesondere die Exporte nach Asien gingen erneut zurück, diesmal um 4 Prozent. Im Vergleich zum Spitzenjahr 2018 wurden sogar 20 Prozent weniger nach Asien exportiert; in Richtung China liegt dieser Rückgang bei über 40 Prozent. Dies führt zu einem strukturellen Ungleichgewicht bei Containern: Zwischen 2020 und 2025 wuchs die Differenz zwischen Import und Export um 1,47 Millionen TEU, wodurch die Anzahl leerer Container im System weiter zunahm.
Laut Van der Laan handelt es sich bei diesem Ungleichgewicht nicht um ein vorübergehendes Phänomen, sondern um die Folge struktureller Verschiebungen im wirtschaftlichen Verhältnis zwischen Europa und Asien. „China hat sich zu einem technologisch fortschrittlichen Produktionszentrum entwickelt, das mittlerweile auch in hochwertigen Sektoren mit Europa konkurriert. Gleichzeitig sind die Produktionskosten in Europa aufgrund höherer Energiepreise und strengerer Vorschriften gestiegen. Die schwache Binnennachfrage in China und die Konzentration auf den Export – verstärkt durch den Wegfall und die Umleitung eines Teils des amerikanischen Marktes – verstärken diesen Druck noch weiter.
Aber China ist nicht der einzige Faktor, betont Van der Laan. Auch innerhalb Europas gibt es eine größere Herausforderung hinsichtlich der Wettbewerbsfähigkeit. Unternehmen müssen ihre Lieferkettenstrategie genauer unter die Lupe nehmen und herausfinden, wo sie einen Mehrwert schaffen können. Europa muss sich fragen, wie es auf diese Entwicklungen reagieren will und wie wir unsere Position durch intelligentere Zusammenarbeit und die Nutzung von Chancen in neuen Produktions- und Handelsmodellen stärken können.
Netzwerkänderungen von Netzbetreibern und Geopolitik bestimmen die Umschlagmengen
Neben den sich verändernden Handelsströmen wurde der Handlesvolumenmix im Jahr 2025 stark von strategischen Entscheidungen der Containerreedereien beeinflusst. Durch Veränderungen in den Allianzen und eine Neuordnung der Seewege veränderte sich die Position der Häfen innerhalb verschiedener Handelsregionen, was direkte Auswirkungen auf Rotterdam hatte.
Der Handel mit Nordamerika zeigt dies deutlich. Während der gesamte Handel zwischen der EU und den USA im gesamten Jahr 2025 einen leichten Rückgang verzeichnete, stiegen die Umschlagmengen in Rotterdam um mehr als 16 Prozent. Laut van der Laan ist dies jedoch kein Zeichen für eine stärkere Nachfrage, sondern die direkte Folge von Veränderungen in den Containerallianzen. Durch die neue Zusammensetzung der Dienstleistungen erhielt Rotterdam eine zentralere Position innerhalb verschiedener nordamerikanischer Seewege.
In Südamerika geschah das Gegenteil: Durch eine Umverteilung der Calls verlagerte sich die Ladung auf andere Häfen, wodurch Rotterdam Marktanteile verlor. Damit bestätigen die Zahlen, dass die Kapazität und das Routing der Fluggesellschaften heutzutage oft einen größeren Einfluss auf die Handelsvolumen haben als makroökonomische Nachfrageentwicklungen.
Darüber hinaus wurde 2025 erstmals das Hub-Spoke-Modell im europäischen Containerverkehr in großem Umfang angewendet. Große Deepsea-Calls werden auf einige wenige Hubs konzentriert, während regionale Häfen eher Feeder- und Distributionsströme abwickeln. Diese Verlagerung bestimmt zunehmend, wo Fracht ankommt und wie Güter durch Europa transportiert werden.
Auch geopolitische Entwicklungen spielen eine wichtige Rolle. Die US-Importzölle und sich verändernden Handelsbeziehungen beeinflussen die Planung und Positionierung von Reedereien, was zu Verschiebungen bei den Handelsvolumen und unregelmäßigeren Mustern führt. Laut Van der Laan verstärkt dies die Dynamik: „Wir beobachten, dass geopolitische Entscheidungen und Netzwerkänderungen sich immer häufiger gegenseitig beeinflussen. Das macht das Spielfeld weniger vorhersehbar und erfordert flexible Ketten.
Zusammen zeigen diese Entwicklungen, dass die Containerstromflüsse im Jahr 2025 weniger von der Nachfrage als vielmehr von strategischen und geopolitischen Entscheidungen der Reedereien und Regierungen bestimmt wurden. Ein Trend, der sich 2026 weiter fortsetzen wird.
Druck auf die Kette: Hinterlandwachstum, Umschlag und begrenzter Platz
Die Änderungen im Netz wirkten sich auch auf den Hinterlandverkehr aus. Das Hinterlandvolumen stieg um 11,7 % und erreichte im November einen Rekordwert von über 1 Million TEU. Gleichzeitig blieb das Gesamtvolumenwachstum mit 3 % hinter dem europäischen Durchschnitt zurück, da die verfügbare Terminalkapazität nicht ausreichte, um sowohl alle Umschlag- als auch Hinterlandströme aufzunehmen. Um Hinterlandströme maximal zu erleichtern, wurde ein Teil der Umschlagfracht für 2025 auf andere Häfen in der Region verteilt. Dies führte zu einem Rückgang der Umschlagmengen in Rotterdam um 16 %.
Diese Entscheidungen passen zur strukturellen Schlüsselposition von Rotterdam. Etwa 30 % aller nordwesteuropäischen Container werden über den Hafen umgeschlagen. Die Kombination aus größeren Schiffen, höheren Handelsvolumina und begrenzter Terminalkapazität macht das System gleichzeitig anfällig für Spitzen, die sich auf die Binnenschifffahrt, die Schiene und die Straße auswirken. Van der Laan fasst es wie folgt zusammen: „Es unterstreicht, dass das Volumenwachstum nicht nur auf der Seeseite, sondern auch im Hinterland eine Herausforderung darstellt. Die gesamte Kette steht unter Druck.“
Terminalkapazität unter Druck, aber Erweiterungen stärken die Zukunftssicherheit
„Aufgrund von Unsicherheiten in den Lieferketten, längeren Verweilzeiten und Verzögerungen bei Schiffen aus Asien ist es sehr schwierig, die Hafenkapazität optimal zu nutzen“, fährt Van der Laan fort. Der Druck auf die Kapazitäten wurde 2025 durch Wartezeiten weiter erhöht. Zwei Zeiträume hatten einen großen Einfluss auf die Produktivität. Anfang 2025 führte dichter, anhaltender Nebel zu erheblichen Wartezeiten auf der Seeseite. Im Oktober brachten zwei schwere Stürme und vor allem ein langwieriger Streik der Schiffsarbeiter die Produktivität fast vollständig zum Erliegen.
Um den Druck auf die Terminals zu verringern, wird in Rotterdam erheblich in die Erweiterung der Terminalkapazitäten investiert, unter anderem bei APMT2, Euromax und RWG. „Rotterdam ist der einzige nordwesteuropäische Hafen mit Raum für substanzielles Wachstum, bis zu 8 Millionen TEU zusätzlich pro Jahr. Damit können wir das erwartete Konsumwachstum und die wirtschaftliche Entwicklung in Nordwesteuropa weiterhin fördern“, sagt Van der Laan. „Die Erweiterungen werden in den kommenden Jahren definitiv Früchte tragen“, prognostiziert Van der Laan. Mit neuen, hochwertigen Terminalkapazitäten erwartet er sogar ein Wachstum, das über dem Markt liegt, einschließlich einer Rückkehr des Transhipments nach Rotterdam. „Dieses Jahr wird noch recht herausfordernd sein, aber ab 2027 wird die Kapazität steigen und die Wartezeiten werden voraussichtlich sinken.“
Resilienz und Datenaustausch: Zusammenarbeit in einer strukturell volatilen Lieferkette
Die im Outlook für 2026 prognostizierten Trends zeichnen sich laut Van der Laan bereits jetzt in Rotterdam ab. Die Containerkette wird aufgrund geopolitischer Spannungen, Klimaextremen und Veränderungen in den Carrier-Netzwerken strukturell volatiler. Das erfordert eine andere Arbeitsweise, sagt er: „Lieferketten sind disruptiv geworden. Resilienz muss daher im Mittelpunkt der Art und Weise stehen, wie wir die Lieferkette im Jahr 2026 und darüber hinaus organisieren.“
Laut Van der Laan hängt die Widerstandsfähigkeit übrigens nicht nur von der physischen Leistungsfähigkeit ab, sondern auch davon, wie vorhersehbar sich die Kette selbst organisiert. Informationen spielen dabei eine wichtige Rolle, betont er: „Nicht als administrative Verpflichtung, sondern als operatives Versprechen zwischen den Gliedern. Die Parteien müssen Informationen zeitnaher und konsistenter austauschen, um Spitzenzeiten verwaltbar zu halten.“ Aber bessere Informationen allein reichen nicht aus. Unternehmen müssen auch ihre Lieferketten anders betrachten und offen für neue Arbeitsweisen sein, so Van der Laan. „Diese Kombination ist notwendig, da Störungen nicht zu vermeiden sind. Die Frage ist nicht, ob die Kette unter Druck geraten wird, sondern wie darauf reagiert wird.“
Lieferketten werden stärker, wenn die Partner in der Kette tatsächlich zusammenarbeiten. „Rotterdam hat den Weg zur datengesteuerten Zusammenarbeit bereits eingeschlagen“, weiß Van der Laan. „Ziel ist es, den Hafen besser zu positionieren, um Spitzenzeiten zu bewältigen und mit Störungen und Netzwerkänderungen umzugehen. Auch die Partner in der Lieferkette müssen hier ihre Verantwortung übernehmen und sich aktiv anschließen.“
Für Verlader und Spediteure bedeutet dies, dass die Qualität ihrer Lieferkette immer wichtiger wird. „Gute Lagerbestände und zuverlässige Lieferketten sind entscheidend für den Erfolg. Zeitnahe Informationen, flexible Prozesse und eine effiziente Containerabfertigung tragen direkt zur Wettbewerbsfähigkeit bei“, sagt Van der Laan. „In einer Welt, in der sich Handelsströme verschieben, liegt der Schlüssel zum Erfolg nicht nur in Umschlagmengen, sondern auch in Zusammenarbeit, Information und Anpassungsfähigkeit.“
Auswirkungen der Schließung der Straße von Hormuz auf Rotterdam und den Containersektor
Die jüngsten Spannungen im Nahen Osten und die faktische Schließung der Straße von Hormus zeigen erneut, wie schnell geopolitische Entwicklungen den weltweiten Handel und damit auch den Rotterdamer Hafen beeinträchtigen können. Obwohl die größten Auswirkungen weltweit auf den Energie- und Tankermarkt zu spüren sind, gibt es auch direkte Auswirkungen auf den Containersektor des größten Hafens Europas.
Für Rotterdam handelt es sich jährlich um etwa 155.000 TEU Containerladung von und zur Golfregion, hauptsächlich über Jebel Ali und Khalifa Port. Diese drei Liniendienste, zwei davon werden bei ECT Delta und einer bei RWG abgewickelt, machen zusammen etwa 1,5 % des gesamten Containerumschlags aus.
Bei einer längeren Blockade können Container nicht be- oder entladen werden, sodass Fracht in internationalen Umschlagplätzen zurückbleibt oder über alternative Häfen wie Sohar umgeleitet werden muss. In einigen Fällen bleibt die Ladung an Bord, wenn Schiffe ihre Rotation nicht durchführen können. Dies führt zu Störungen der Zeitpläne, einer Verschlechterung der Pünktlichkeit und Verzögerungen bei den Exportströmen aus Rotterdam.
Obwohl der Handelsvolumenanteil relativ gering ist, kann eine anhaltende Blockade durchaus Auswirkungen auf die globale Container-Lieferkette haben. Die Kapazitäten verschieben sich, Netzwerke müssen neu gestaltet werden und Reedereien sind gezwungen, ihre Routen anzupassen. All dies hat spürbare Auswirkungen auf Häfen, Verlader und Spediteure in Europa.